Synthetische Stimme · KI-generiert (Text-to-Speech).
Am Arbeitsgericht Berlin gingen bis Mitte August 2026 rund 16.000 Verfahren ein — so viele wie im gesamten Jahr 2024. Der Gesamtwert für 2025 lag bei 18.600 und wird 2026 deutlich früher erreicht. In der Berichterstattung heißt das Phänomen agentic flooding: Klageschriften entstehen massenhaft mit Chatbots.
Interessanter als die Zahl ist der Mechanismus: Geändert hat sich nicht das Recht, sondern der Preis, es in Anspruch zu nehmen — und die Kosten der Menge fallen beim Gericht und beim Anspruchsgegner an, nicht beim Erzeuger. Das ist keine Kulturkritik, sondern eine Preisänderung mit absehbarer Folge, und sie trifft Unternehmen doppelt: als Empfänger solcher Schreiben und als Auftraggeber einer Kanzlei, deren Gegenseite so arbeitet.
Auf einen Blick
- Was belegt ist: Arbeitsgericht Berlin rund 16.000 Verfahren bis Mitte August 2026 (2025: 18.600); Sozialgerichte bundesweit 2025: 263.500 Klagen (+10 %), 40.000 Eilverfahren (+47 %).
- Was folgt: Der Aufwand verschwindet nicht, er wandert — vom Erzeuger zum Prüfer. Für Österreich werden rund 250 zusätzliche Richterplanstellen geschätzt.
- Der Haken: Gesamtfallzahlen sind keine KI-Zahlen. Als KI-generiert erkannt: 51 Schriftsätze in Berlin — eine Hochrechnung bis Ende September 2026.
Die Zahlen, so weit sie tragen
Im Zentrum stehen Arbeits- und Sozialgerichtsbarkeit — dort lassen sich Verfahren ohne Anwalt führen.
| Bereich | Zahl | Stand |
|---|---|---|
| Arbeitsgericht Berlin, alle Verfahren | rund 16.000 (2025: 18.600) | Mitte August 2026 |
| Arbeitsgericht Berlin, als KI-generiert erkannt | 51 Schriftsätze — Hochrechnung | bis Ende September 2026 |
| Sozialgerichte bundesweit, Klagen | 263.500 (+10 % gegenüber 2024) | Jahr 2025 |
| Sozialgerichtsbarkeit, Eilverfahren | 40.000 (+47 % gegenüber 26.995) | Jahr 2025 |
| Bayerische Sozialgerichte, erste Instanz | +26 %; Bürgergeld und Grundsicherung +60 %, Eilrechtsschutz mehr als verdoppelt | September 2026 |
| Versicherungsombudsmann, Beschwerden | rund +50 % | Januar bis Mai 2026 |
Die wichtigste Einschränkung gehört an den Anfang: Die 16.000 und die 18.600 sind Gesamtfallzahlen, keine KI-Zahlen. Den Großteil bilden in Berlin Kündigungsschutzfälle, und die Mitverursachung durch KI ist eine plausible, aber nicht quantifizierte Annahme von Gerichten und Presse. Als KI-generiert identifiziert ist die kleinere Teilmenge — die genannten 51.
Belastbar aus den Gerichten kommt die Beschreibung der Qualität. Christine Fuchsloch, Präsidentin des Bundessozialgerichts: „Die Schriftsätze sind häufig zu lang, verlieren sich in fernliegenden Überlegungen und zitieren erfundene, unpassende oder längst überholte Gerichtsentscheidungen.“ Edith Mente, Präsidentin des Bayerischen Landessozialgerichts: „Die von vielen Klägern offensichtlich genutzte KI kennt sich im Sozialrecht nicht wirklich gut aus und empfiehlt daher oft unsinnige Anträge.“
Warum das Mechanik ist, keine Kulturkritik
Erstens: Gefallen ist nicht die Gerichtsgebühr, sondern der Erstellungsaufwand. Die Hürde war für viele nie das Recht, sondern die Formulierung — zwanzig Seiten in fremder Fachsprache. Dieser Aufwand ist von Stunden auf Minuten gefallen; bei jedem anderen Gut würde man eine Mengenreaktion erwarten.
Zweitens: Der Aufwand wandert, er verschwindet nicht. Prüfen ist systematisch teurer als Behaupten: Ein Schriftsatz mit 30 Fundstellen ist in Minuten geschrieben und in Stunden nachgeschlagen. Das gilt für das Gericht, für den Anspruchsgegner und für dessen Kanzlei.
Drittens: Ein Teil der Menge ist nicht nur Menge, sondern falsch. Empfiehlt ein Modell im Sozialrecht unsinnige Anträge, entstehen Verfahren, die von Anfang an nicht tragen — mehr Fälle bei sinkender Trefferquote.
Die Gegenposition gehört dazu: Ein Teil dieser Verfahren ist berechtigt. Wer wegen Sprache oder Unsicherheit auf einen Anspruch verzichtete, kann ihn heute geltend machen — das ist Rechtsschutz, kein Missbrauch. Die Gerichtslast ist deshalb kein moralisches Argument gegen die Kläger, sondern ein Kapazitätsproblem — mit dem Nebeneffekt, den Fuchsloch nennt: Solche Schriftsätze „erzeugen auch falsche Erwartungen.“

Zu viel Material vor unveränderter Kapazität — durch den Spalt sind zwei Blätter gekommen. Und eines im Stapel ist das, dessen Fundstellen es nicht gibt.
Der zweite Strang: Zitate, die es nicht gibt
Neben der Menge steht ein Qualitätsproblem, das sich besser zählen lässt. Damien Charlotin führt eine internationale Datenbank zu KI-Fehlzitaten in Gerichtsverfahren; in der Berichterstattung vom 16. Juni 2026 umfasste sie rund 1.600 dokumentierte Fälle aus 35 Ländern, davon 1.116 aus den USA — bei berichteter jährlicher Verachtfachung. Ein separater Wert für Deutschland ist dort nicht ausgewiesen.
Für den deutschsprachigen Raum tragen die Einzelfälle. In Österreich wuchs ein Verfahrenshilfeantrag zu einem etwa 60-seitigen Schriftsatz mit 30 Verweisen auf Entscheidungen des Obersten Gerichtshofs — alle erfunden; ein Fall aus Salzburg umfasste 400 Seiten KI-Text. Als Präzedenzfall gilt eine Entscheidung des Obersten Gerichtshofs vom 7. Oktober 2025 (14 Os 95/25i): Die Nichtigkeitsbeschwerde mit erfundenen Verweisen wurde zurückgewiesen, unter Hinweis auf die anwaltliche Treuepflicht nach § 9 RAO.
Der meistzitierte deutsche Referenzfall ist älter als die Debatte. Das Amtsgericht Köln befasste sich in einem Beschluss vom 2. Juli 2025 (Az. 312 F 130/25) mit einem anwaltlichen Schriftsatz, dessen Nachweise ab Seite 8 durchgängig erfunden waren — eine Kommentarstelle dem falschen Autor zugeordnet, Fachaufsätze, die es nicht gibt. Das Gericht sah einen möglichen Verstoß gegen § 43a Abs. 3 BRAO und deutete versuchten Prozessbetrug an; ein Sanktionsergebnis ist nicht dokumentiert.
Für die Sorgfaltspflicht eines Prozessvertreters folgt daraus weniger Neues und mehr Praktisches. Neu ist die Pflicht nicht: Wer zitiert, steht dafür ein, dass die Fundstelle existiert und trägt. Neu ist ein Werkzeug, das die Form eines korrekten Zitats perfekt beherrscht und über den Inhalt keine Auskunft hat — ein erfundenes Aktenzeichen sieht aus wie ein echtes. Die Rückfrage beim Modell hilft nicht; es antwortet im selben Modus, in dem der Fehler entstand. Wirksam ist nur eine Kontrollschicht außerhalb des Modells: jede Fundstelle in der Primärquelle nachschlagen.
Was das für Ihr Unternehmen heißt
Behandeln Sie Serienfälle als Serie. Gehen gleichförmige, maschinell erzeugte Ansprüche in Wellen ein, ist Einzelfallbearbeitung die teuerste Antwort. Praktikabel ist: das Muster einmal fachlich durcharbeiten, eine geprüfte Standardantwort bauen, den Rest nur auf Abweichungen prüfen — und die Vorsortierung automatisieren, nicht die Bewertung. Der Fehler dabei ist, Form mit Substanz zu verwechseln.
Schlagen Sie jede Fundstelle der Gegenseite nach. Das ist die billigste Verteidigungsmaßnahme, die es derzeit gibt — ein Schriftsatz, dessen Nachweise ab einer bestimmten Seite nicht existieren, verliert seine Glaubwürdigkeit als Ganzes. Eine Strategie ist das nicht: Der Fehler der Gegenseite ist ein Geschenk, kein Plan. Für Kanzleien gilt das Werkzeugthema aus Legal Tech für Kanzleien.
Klären Sie die eigene Seite zuerst. Arbeitet KI an Ihren Schreiben mit, braucht es eine nicht verhandelbare Regel: Wer zitiert, prüft — und dokumentiert, dass er geprüft hat. Diese Dokumentation ist im Streitfall das, was Sie vorlegen können.
Fazit
Die Zahlen beschreiben keine neue Rechtslage, sondern eine neue Mengenlage — mehrfach dokumentiert, in der Ursache nur teilweise messbar. Ein Werkzeug hat eine Zugangshürde gesenkt, die für manche zu hoch war, und dabei eine Last verschoben, für die niemand Kapazität eingeplant hat. Die Konsequenz ist unbequem, aber schlicht: Prüfen bleibt teurer als Behaupten, also muss Prüfen billiger werden — durch Standardisierung auf der Mengenseite und eine harte Regel auf der Zitatseite.
Wenn Sie eine Serie gleichförmiger Ansprüche auf dem Tisch haben oder eine belastbare Prüfroutine brauchen, sprechen wir darüber. Ich lese solche Fälle als Wirtschaftsjurist und baue die Systeme, die dabei helfen sollen, selbst.
FAQ
Sind die 16.000 Verfahren am Arbeitsgericht Berlin alle KI-erzeugt?
Nein. Die rund 16.000 Verfahren bis Mitte August 2026 sind die Gesamtfallzahl des Gerichts (2025: 18.600). Die Zuschreibung an KI ist eine vermutete Teilursache, keine gemessene Größe. Als KI-generiert erkannt wurden in Berlin 51 Schriftsätze — eine Hochrechnung bis Ende September 2026.
Was tut ein Unternehmen, das eine Serie gleichförmiger KI-erzeugter Ansprüche erhält?
Es behandelt sie als Serie: das Muster einmal fachlich durcharbeiten, eine geprüfte Standardantwort bauen, jeden Einzelfall nur noch auf Abweichungen prüfen. Gleichförmige Form heißt aber nicht gleichförmig unbegründet — wer pauschal abweist, verliert genau die Fälle mit Substanz. Und die eigene Antwort darf nicht dieselbe Fehlerquelle haben.
Darf ein Anwalt KI für Schriftsätze einsetzen?
Die Nutzung ist nicht das Problem, die ungeprüfte Übernahme von Fundstellen ist es. Das Amtsgericht Köln sah in einem Beschluss vom 2. Juli 2025 (Az. 312 F 130/25) bei ab Seite 8 durchgängig erfundenen Nachweisen einen möglichen Verstoß gegen § 43a Abs. 3 BRAO und deutete versuchten Prozessbetrug an. Neu ist nicht die Sorgfaltspflicht, sondern ein Werkzeug, das formal einwandfreie Zitate ohne existierende Fundstelle erzeugt.
Wie erkenne ich ein halluziniertes Zitat?
Nicht am Format, denn das Format ist in der Regel korrekt. Verlässlich ist nur das Nachschlagen jeder Fundstelle in der Primärquelle — nicht die Rückfrage bei dem Modell, das sie erzeugt hat. Auffällig ist die Häufung: In einem österreichischen Fall waren alle 30 Verweise auf Entscheidungen des Obersten Gerichtshofs erfunden.
Quellen — Stand 16.09.2026
- ad-hoc-news.de (18.08.2026) — https://www.ad-hoc-news.de/wirtschaft/ki-flutung-der-justiz-arbeitsgericht-berlin-verzeichnet-16-000-verfahren/69964602
- kosmo.at (19.08.2026) — https://www.kosmo.at/oesterreichs-justiz-am-limit-immer-mehr-lassen-schriftsaetze-von-ki-erstellen/
- taz.de (20.08.2026) — https://taz.de/Kuenstliche-Intelligenz-vor-Gericht/!6205827/
- anwaltspraxis-magazin.de (12.09.2026) — https://anwaltspraxis-magazin.de/schlagzeilen/2026/09/12/rasanter-anstieg-der-fallzahlen-bei-arbeits-und-sozialgerichten/
- borncity.com (16.06.2026), Datenbank Damien Charlotin — https://borncity.com/news/gefaelschte-urteile-in-klageschriften-1-600-ki-fehler-in-35-laendern-dokumentiert/
- legal-tech-verzeichnis.de, AG Köln Az. 312 F 130/25 — https://legal-tech-verzeichnis.de/legal-tech-nachrichten/anwalt-blamiert-sich-mit-halluziniertem-ki-schriftsatz-gericht-spricht-von-verstoss-gegen-brao/
Dieser Beitrag ist allgemeine Information und keine Rechtsberatung im Einzelfall. Stand 16. September 2026; die Fallzahlen entwickeln sich laufend weiter.